Die wiedergefundene Zeit (Le Temps retrouvé)

Das Werk Marcel Prousts zu verfilmen, gehört ohne Zweifel zu den ambitioniertesten Projekten eines Filmemachers. Visconti und Losey haben es ihr Leben lang versucht, Schlöndorff ist daran gescheitert, der chilenische Regisseur Raoul Ruiz hat es auf wundersame Weise geschafft. Sein Film „Die wiedergefundene Zeit“ ist ein wahres Kunstwerk der Erinnerung, das diverse Erzählebenen durch Rückblenden in die Kindheit und Jugend des Ich-Erzählers meisterlich miteinander verknüpft.

Paris 1922: Marcel Proust liegt auf dem Sterbebett. In diesem Bett und in diesem Zimmer, das er zwei Jahre nicht verlassen konnte, hat der geniale Schriftsteller gerade seinen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ fertiggestellt; tausende von Seiten mit fragmentarischen Geschichten, in denen hunderte von Personen auftauchen, sich verlieren, sich wieder begegnen, nur damit der Autor sie in immer feiner gesponnenen Satzgebilden, in immer genaueren Charakterisierungen einfangen kann. Nun versinkt Proust in Erinnerungen an sein Leben: seine Familie, seine Freunde und die Frauen, die er geliebt hat. Bald werden die Fotografien der realen Personen zu Porträts seiner Romanfiguren.

Raoul Ruiz hebt den Jahrhundertroman mit einer beispiellosen Eleganz auf die Leinwand: Statt die Textvorlage nur zu illustrieren, gelingt es ihm, aus der ausschweifenden Ausstattung eine eigene filmische Kunstprosa zu schaffen, die den Vergleich mit dem Original nicht im geringsten zu scheuen braucht.

Geprägt von erzählerischen Brüchen und Ellipsen, dem experimentellen Verschränken der Zeit und dem Spiel mit Träumen und Visionen entfaltet sich ein imposantes, brillant fotografiertes Zeit- und Gesellschaftsportrait der späten „Belle Epoque“, dem Stars wie Catherine Deneuve als Odette oder John Malkovich als homosexueller Dandy Baron de Charlus Profil geben.

 

Die wiedergefundene Zeit Frankreich/Italien 1999, 155 Minuten, ab 12 Jahren, R: Raoul Ruiz, D: Emmanuelle Béart,Catherine Deneuve,John Malkovich

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