Die Geschichte der Nana S . (Vivre sa vie)

„Der Regisseur ist jemand, der eine wirkliche körperliche Macht über die Leute hat“, erklärt Jean-Luc Godard, das ewige Enfant terrible der Nouvelle vague. „Nur ein Regisseur kann sagen: ‚Los, knien Sie auf den Boden. Ziehen Sie sich aus. Sagen Sie, ich liebe dich! Jetzt gehen Sie hinaus.’ Und ich glaube, dass so viele Leute Lust haben, Filme zu machen, weil sie dann über diese Macht verfügen können.“

Godard hat seine Macht allerdings auch dazu genutzt, das Kino zu einem Ort der poetischen und politischen Auseinandersetzung zu machen: durch bahnbrechende Montage- und Collage-Techniken, durch Zwischentitel, durch beeindruckende und aufschlussreiche Kombinationen aus Bildern und Tönen. Sein Motto war dabei stets: Man muss undeutliche Ideen mit deutlichen Bildern konfrontieren.

Das ist ihm in „Die Geschichte der Nana S.“ zweifellos gelungen. Allein schon der Anfang: Zehn Minuten lang sind nur die Rücken Nanas (Anna Karina, Godards erste Frau und achtmalige Hauptdarstellerin) und ihres Freundes vor einer Bar mit lauter Spiegeln und Flaschen zu sehen. Nana träumt von einer Karriere als Filmstar. Doch die Chancen stehen schlecht und das Geld, das sie in einem Plattenladen verdient, reicht hinten und vorne nicht. Also beschließt sie kurzerhand, Prostituierte zu werden. In zwölf durch Zwischentitel unterteilte Kapitel trifft Nana auf ihren ersten Freier, gewissenlose Zuhälter und Philosophen.

Godard überträgt erstmals Brechts Theorie des epischen Theaters auf den Film. Das anscheinend willkürliche Nebeneinander unvereinbarer Stilmittel hält den Zuschauer einerseits auf Distanz, andererseits verlangt es von ihm, sich permanent und absolut auf das Geschehen einzulassen.

Ein filmisches Essay voller wunderbarer und schrecklicher Momente, mit dem Godard endgültig seinen Bruch mit dem klassischen Erzählkino vollzog.

Die Geschichte der Nana S . Frankreich 1962, 79 Minuten, OmU, ab 18 Jahren, R: Jean-Luc Godard, D: Anna Karina, Sady Rebbot, Mario Botti

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