Ich war 19

Musik klingt über den Fluss, dann plötzlich eine verzerrte Stimme: „Der Krieg ist verloren. Eure Lage ist hoffnungslos.“ Ein Floß schiebt sich vorbei, darauf ein Galgen, an dem ein Mann in Wehrmachtsuniform hängt. „Deserteur“ steht auf dem Schild um seinen Hals. Wieder die Stimme aus dem Lautsprecher: „Hört mich an, habt Vertrauen, ich bin Deutscher.“ Ein Titel über den Bildern: 16. April 1945. An diesem Tag beginnen die Sowjets die Schlacht um Berlin. An diesem Tag endet auch das Tagebuch des 19jährigen Rotarmisten Konrad Wolf. Über 20 Jahre später bilden diese Aufzeichnungen die Grundlage für einen Film des 42jährigen DEFA-Regisseurs Konrad Wolf.

„Ich war 19“ zeichnet nicht nur ein glaubhaftes Bild jener letzten Kriegstage, sondern stellte zudem die propagandistische Betrachtungsweise in Frage, die bis dahin die DDR-Medien dominiert und so eine Legendenbildung ermöglicht hatte. Wolf – dessen jüngerer Bruder Markus als ostdeutscher Geheimdienstchef Karriere machte – beleuchtet einerseits, dass die deutsche Niederlage die Befreiung vom Faschismus bedeutete, andererseits lässt er aber keinen Zweifel daran, dass kaum ein Deutscher das Kriegsende mit dem Gefühl, befreit worden zu sein, erlebt haben dürfte.

In einigen Episoden kombiniert der Regisseur tragische und komische Elemente. Etwa wenn ein deutscher Offizier, der auf seiner Dienststelle von den Sowjets überrascht wird, sich bei seinen Vorgesetzten telefonisch in Gefangenschaft abmeldet. Ansonsten besticht „Ich war 19“ durch seine Authentizität, zu der vor allem eine Kamera beiträgt, die jede Kunstfertigkeit vermissen lässt und eher an die Arbeit eines Kriegsberichterstatters erinnert.

Unter den vielen Filmen über den Zweiten Weltkrieg wird „Ich war 19“ als das persönliche Zeugnis eines Regisseurs Bestand haben, dessen früher Tod 1982 nicht nur für die Filmkunst der DDR einen unwiederbringlichen Verlust darstellte.

 

Ich war 19 DDR 1967, 120 Minuten, ab 12 Jahren, R: Konrad Wolf, D:Jaecki Schwarz, Wassili Liwanow, Alexej Ejboshenko

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