Ninotchka

Ob Heilige oder Hure, die Garbo hatte stets etwas Majestätisches. Die Männer fühlten sich durch sie herausgefordert: Gab es hinter ihrem unergründlichen Lächeln wohl eine Frau aus Fleisch und Blut mit handfesten Gelüsten? Würde sie sein wie andere Mädchen, wenn man sie in die Arme schließen könnte? Für die Frauen verkörperte sie ein neues Lebensgefühl. Vorbei war der rauschhafte Unernst der „Roaring Twenties“, jetzt war das Tragische angesagt und jede Hausfrau musste vom Schicksal gezeichnet sein.

Die Filme der Garbo wirken heute wie Botschaften von einem anderen Stern. Eine Mischung aus Kitsch und Kunsthandwerk, die längst vergessen wäre, würde sie nicht einen feierlichen Rahmen für ihr Antlitz bilden. Einer ihrer Filme hat bis heute nichts von seiner Wirkung eingebüßt: die romantische Komödie „Ninotchka“, in der Ernst Lubitsch und seine Autoren Billy Wilder und Charles Brackett die Garbo das erste Mal anständig lachen ließen.

Man könnte „Ninotchka“ wohl als Liebesfilm bezeichnen, doch damit würde man diesem Meisterwerk nicht gerecht. Zwar geht es um die Liebe des Dandys Leon zu der Bolschewistin Ninotchka, es werden aber auch ganz andere Liebesgeschichten erzählt: Ninotchka liebt Leon – und Lenin. Leon liebt Ninotchka – und seine Ex, die russische Großfürstin Swana. Dann sind da noch drei russische Kommissare, die auch ziemlich heftig für Ninotchka schwärmen. Und natürlich ist da Mütterchen Russland, das seine vier aufsässigen Kinder so sehr liebt, dass es sie unbedingt wieder haben will. Alle zusammen lieben sie Paris. Und Paris gibt ihnen die Liebe, nach der sie so verzweifelt suchen.

Natürlich kann sich bei so viel Liebe keine reine Komödie entwickeln. Dafür ist es Leon und Ninotchka zu ernst mit ihren Gefühlen, dafür ist es den einen zu ernst mit dem Aufbau des Sozialismus und den anderen mit der Sicherung ihres „savoir vivre“. Aber vor allem ist es dem Regisseur zu ernst mit der Beschreibung einer Welt, die vom Untergang bedroht ist. So steht ganz am Anfang des Films ein Titel, dessen frivoler Witz den düsteren Unterton kaum verbergen kann: „Dieser Film spielt in Paris, in jenen herrlichen Tagen, da eine Sirene noch eine Brünette und kein Fliegeralarm war, und wenn ein Franzose das Licht ausdrehte, dann nicht wegen eines Luftangriffs.“

„Ninotchka“ wurde am 6. Oktober 1939 uraufgeführt. Nur einen Monat zuvor hatte Hitler den Zweiten Weltkrieg begonnen.

 

Ninotchka USA 1939, 108 Minuten, ab 6 Jahren, R: Ernst Lubitsch, D: Greta Garbo, Melvyn Douglas, Ina Claire, Bela Lugosi

Zusammen ist man weniger allein (Ensemble, c’est tout)

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Der unsichtbare Dritte (North by Northwest)

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Alfred Hitchcocks Genie bestand vermutlich darin, ein und dieselbe Geschichte immer wieder neu zu erzählen: das Drama eines Mannes, der unversehens aus der Normalität gerissen wird, seine Identität verliert und in einen Strudel unfassbarer Ereignisse gerät. In seinem Meisterwerk „Der unsichtbare Dritte“ verschlägt es dem eloquenten Werber Roger Thornhill (Cary Grant) prompt die Sprache, als er mit einem Geheimagenten verwechselt wird, den es eigentlich gar nicht gibt. Als ihn die Polizei dann noch eines Mordes beschuldigt, weiß er gar nicht mehr wie ihm geschieht. Eine aberwitzige Verfolgungsjagd quer durch die USA beginnt, bei der eine kühle Blondine (Eva Marie Saint) eine mysteriöse Rolle spielt … Populär wurde der Thriller durch den Mordversuch in der Wüste. Hitchcock wollte das Krimiklischee auf den Kopf stellen, nach dem immer nachts in einer dunklen Gasse mit regennassem Pflaster gemeuchelt wird. „Ich habe mich gefragt, was das genaue Gegenteil einer solchen Szene wäre. Eine völlig verlassene Ebene im hellen Sonnenschein …“ Die Bedrohung setzt bereits ein, als Grant aus dem Bus steigt und ein Farmer sagt: „Dahinten kommt ein Insektenvernichtungsflugzeug, dabei gibt es hier doch gar keine Insekten zu vernichten.“ So entdeckte Hitchcock für sich und sein Kino die Agoraphobie, also die Angst vor großen Plätzen, die er konsequent am Mount Rushmore weiterwirken läßt, wenn sich seine Helden in Schwindel erregender Höhe an die steinernen Köpfe ihrer Präsidenten klammern. Auch das augenzwinkernde Ende des Films ist Legende: Grant zieht die Saint in die obere Koje seines Schlafwagenabteils, während der Zug pfeifend in den Tunnel einfährt.

„Der unsichtbare Dritte“ ist ein Thriller in Gestalt eines Horrortrips, der den Zuschauer permanent mit einbezieht, indem er ihn mehr wissen lässt als seinen Protagonisten, und ihm dadurch eine vollkommene traumatische Ohnmacht vermittelt. Hitchcock spart nicht mit satirischen Seitenhieben auf die CIA, die einen unbescholtenen Bürger eiskalt über dem Abgrund zappeln lässt, wenn es zufällig in ihre Pläne passt.

Der unsichtbare Dritte (North by Northwest) USA 1959, 131 Minuten, ab 12 Jahren, R: Alfred Hitchcock; D: Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Martin Landau