Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Nur durch eine List gelingt es dem jungen Mann, seine Geige zu retten. Er spielt dem Dorfvorsteher eine Sonate von Mozart vor und gibt ihr den Titel „Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao“. Ein Instrument im Dienste der Revolution – eine der vielen aberwitzigen Szenen in Dai Sijies Verfilmung seines autobiografischen Romans.

Kulturrevolution in China Anfang der 70er: Millionen junger Menschen werden zur Umerziehung aufs Land geschickt. Auch der 17-jährige Ma und der 18jährige Luo – Söhne von Ärzten und deshalb vermeintliche Volksfeinde – sind Versuchskaninchen in diesem zweifelhaften menschlichen Experiment.

Allein die Kunst, vor allem die Lektüre verbotener europäischer Literatur macht ihr Leben erträglich. Beide verlieben sich in die liebreizende Enkelin des Schneiders, doch es ist Casanova Luo, der ihr Herz gewinnt, indem er ihr einen Roman von Balsac vorliest. Obwohl die zarte Liebe zerbricht, wird dem Mädchen bewusst, was Freiheit bedeutet, und sie wagt sich allein in die große Stadt.

Der in Frankreich lebende Regisseur Dai Sijie, der wegen seiner bürgerlichen Herkunft selbst viele Jahre in einem Umerziehungslager saß, lässt die Welt analphabetischer Provinzler und kultivierter Städter aufeinanderprallen. Wenn die jungen Männer im Auftrag des Dorfvorstehers in der nahen Stadt einen nordkoreanischen Propagandafilm anschauen und ihn fantasievoll ausgeschmückt den aufmerksam lauschenden Dorfbewohnern erzählen, weckt das Assoziationen an nostalgisches Jahrmarktsvergnügen.

„Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ ist eine melancholische Liebesgeschichte, handelt aber auch von der Brisanz der Literatur und von drei unbekümmerten jungen Menschen, die sich inmitten eines repressiven Systems ihre Individualität bewahren. In einer Kinowelt, die immer schneller und greller zu werden scheint, stellt Dai Sijies Meisterwerk eine angenehme Ausnahme dar.

 

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin Frankreich/China 2002, 116 Minuten, ab 12 Jahren, R: Dai Sijie, D: Zhou Xun, Chen Kun, Liu Ye

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